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Die Prußen, die sich selbst „Prusari„ nannten, waren die Urbe-
völkerung Preußens und lebten zwischen dem Mündungsdelta
der Weichsel bis zur Memel, von der Ostsee bis zu den Masur-
ischen Seen. Die prußischen Länder waren: das Samland
(dt.: Ackerland), Galindien (dt.: Grenzland). Sudauen, Nadrauen,
Pomesanien, Sassen, Pogesanien, Schalauen, Samaiten, Warmien
und Barten. Die Namen dieser Völker stammen alle aus einer alt-
prußischen Sage, in der auch das Volk der Litauer als Brudervolk
gesehen wurde, welches aber der Prußen-Familie fremd wurde.

Unter Papst Johann XV. (985-996) taucht im christ. Bereich erstmals
der Name „Pruße„ auf. Nach den mittelalterlichen Händlern waren
die Prußen große und kräftige Gestalten, einfach in Lebensweise,
Wohnung, Tracht und Speise und wurden als sehr gastfreundlich
gegenüber Reisenden beschrieben. Auch Erzbischof Adam v. Bremen
lobt sie als überaus umgängliche Leute, die Schiffbrüchige gastfreund-
lich aufnähmen. Der mittelalterliche Chronist Vincentius Kadlubek
beschreibt sie um 1200 dagegen anders: „Es sind aber die Sudauer,
ein Stamm der Gethen oder Prußen, ein ganz furchtbares Volk, in
ihrer ungeheuren Wildheit noch grimmiger als alle wilden Tiere. Das
kommt von den vielen wüsten Einöden, dem völlig verwachsenen
Urwalddickicht und den unzugänglichen Sumpfgebieten.„
Widersprüchliche Berichte über das Verhalten der Prußen findet man
oft, dennoch überwiegt ein positives Urteil.

Die Prußen lebten in den Jahrhunderten vor ihrer Unterwerfung
durch den Deutschen Orden in patriarchalisch geführten Sippen-
verbänden unter der Führung eines erblichen Adels, den „Kunigas„.
Dieser besaß Grundbesitz, gebot über Lehnsleute, hörige Bauern,
Knechte und völlig rechtlose Sklaven. Nur im Kriegsfalle wählten
die Fürsten aus ihrem Kreise einen obersten Befehlshaber, der dann
den Rang eines Landesfürsten innehatte und „Reik„ genannt wurde.
Falls dieser eine Niederlage erlitt, so hatte er sich zu entleiben.
Grundsätzlich galt aber, dass über die Grenzen des Landes hinaus
keine politische Einheit bestand. Selbst die Religion fasste die
prußischen Länder nur sehr lose zusammen. Daher kam es, dass
der Name „Pruße„ für die Völker selbst nur dann in Erscheinung
trat, wenn sie zusammen in Einigkeit und Bündnis kriegerisch
vorgingen.

Die Größe des Prußenvolkes wird für die Vorordenszeit bei einer
angenommenen Bevölkerungsdichte von drei Einwohnern je
Quadratkilometer auf 120.000 Menschen geschätzt. Die kleinen
Dörfer lagen weit verstreut. Zur Unterkunft dienten reetgedeckte
Holzhäuser mit Vorlauben, an Gewässern auch Pfahlbauten. Die
auf künstlichen Hügeln errichteten Adelsburgen lagen in unmittel-
barer Nachbarschaft der Weiler und heiligen Stätten. Sie waren
umgeben von Gräben, dahinter zwei parallelen Reihen angespitzter
Pfähle, die mit Erdreich und Steinen aufgefüllt wurden. Darin stand
das große, langgestreckte Holzhaus des Edlen mit stumpfwinkligem
Dach und ornamentiertem First; umsäumt von Stallungen und klei-
neren Häusern. Im Verteidigungsfalle dienten diese Gebäude den
Dorfbewohnern als Fliehburgen.

Die Familie war streng patriarchalisch geordnet. Der Hausvater konnte
bis zu drei Frauen besitzen – sie wurden im Tausch gegen Vieh erworben.
Mit Gästen teilten sie gerne ihr Eigentum – so auch ihre Frauen, welche
sie unbeweibten Gästen zum Nachtlager anboten. Neugeborene Mädchen
durften in Zeiten der Not getötet werden, wenn sie noch nicht von der
Muttermilch getrunken hatten. Dasselbe wiederfuhr Alten und Gebrech-
lichen.

In den unterschiedlichen Volksschichten gab es verschiedene, fest-
gelegte Sitten und Bräuche. So durfte z. B. nur der Adel und die Prie-
sterschaft gegorene, blutuntermischte Stutenmilch trinken, welche
auch in einem ausgeklügelten Trinkritual Gästen angeboten wurde.
Unbegüterte und Sklaven durften als alkoholisches Getränk ausschließ-
lich nur Met trinken. Das Hauptgetränk der Freien war der Bärenfang
(Meschkinnes). Dem Alkohol sprachen die Prußen anscheinend stark
zu, denn christliche Prediger verurteilten deren „Trunksucht„, bezeich-
neten dies sogar als prußischen Brauch. Richtig ist, dass die Prußen
keine Gelegenheit ausließen, um rauschende Feste zu feiern.

Über Verbrecher fällte die Priesterschaft zusammen mit dem Adel
das Urteil. Diebe wurden ausgepeitscht oder wütenden Hunden vor-
geworfen, während Ehebrecher auf dem Scheiterhaufen endeten und
Mörder der Blutrache anheim fielen. Lesen und Schreiben war den
Prußen unbekannt. Leider ist nur sehr bruchstückhaft die prußische
Sprache überliefert. Das erste, vom Deutschen Orden 1350 heraus-
gegebene prußisch-deutsche Wörterverzeichnis ging leider verloren.
Nachfolgende Vokabularen sind gänzlich als mangelhaft anzusehen.
Trotzdem kann man sagen, dass ihre Sprache der litauischen und
lettischen ähnelte.

Zwischen Fürsten und Abhängigen lebten die freien Bauern, Fischer,
Seeleute, Jäger, Handwerker und Händler, wobei als Kennzeichen
einer noch wenig arbeitsteiligen Gesellschaft oft mehrere Berufe in
einer Person vereint waren. Intensiv wurde Ackerbau betrieben, Feld-
früchte geerntet und Bernstein gesammelt. Daneben wurden Rinder,
Schafe, Schweine, Geflügel und Bienen gehalten sowie Reitpferde ge-
züchtet. Weben und Spinnen war die Aufgabe der Frauen. Als Handels-
ware wurden Bernstein, Felle, Leder, getrockneter Fisch, Honig und
Sklaven im tausche mit Schmuck, Waffen, Tuche und Salz eingehandelt.
Ihr größter Handelspartner war vor allem Skandinavien; aber auch zu
Deutschland und Russland hielten besonders die Samländer Handelsbe-
ziehungen.

Als Krieger werden die Prußen erst um das Jahr 1000 genannt, da in
dieser Zeit die Polen oft in ihre Länder eindrangen, diese verwüsteten
und Sklaven verschleppten. Wirklichen Landgewinn konnten die Polen
allerdings nicht machen. Die ersten prußischen Burgen wurden in dieser
Zeit erbaut, welcher der Deutsche Orden später als Grundlage für seine
Ordenshäuser nutzte. Die von 900 – 1100 an der Ostseeküste siedelnden
Wikinger stellten dagegen für die Prußen keine Gefahr dar, sondern waren
Handelspartner.

Das Bronzeportal des Domes zu Gnesen aus der ersten Hälfte des
12. Jahrhunderts gilt als die älteste erhalten gebliebene Abbildung
von Prußen. Die Heiden sind dort mit Speeren, Streitäxten, Schleudern,
Dolchen, Schwertern, Rundschildern und hauptsächlich mit bleibe-
schwerten Schlagkeulen bewaffnet. Letztere trug man wie Handgranaten
an einem Gürtel. Nach den Überlieferungen waren auf den ledernen
Schilden des Adels hauptsächliche Tiere, Tierköpfe oder bestimmte
Merkmale eines Tieres, wie z. B. die Elchschaufel, dargestellt. Eben-
falls besaß nur der Adel Rüstungen aus ledernen Wämsen, Helm und
Koller, während das Fußvolk seine normale Tracht trug. Auf der Pforte
sind die Prußen mit kurzgeschnittenem Haar, Schnauzbärten, Kitteln,
Wämsern und Armspangen abgebildet. Während diese Alltagskleidung
auf dem Gnesener Bronzeportal nicht in allen Einzelheiten klar zu er-
kennen ist, beschreiben die Ordenschroniken diese deutlicher: Die
Kleidung bestand aus knielangen Gewändern von Leder, Fell und
grobem Stoff, die um die Hüfte gegürtet und mit Fibeln verbunden
wurden. Daneben wurden nach Art der Germanen Hosen getragen,
die oft mit dünnen, senkrechten Nähten verziert waren. Fell-, Filz-
oder Hanfschuhe waren üblich. Der Schmuck bestand aus Bernstein,
Eisen oder Bronze hergestellten Ketten, Ohrringen, Spangen und Arm-
bändern. Gold und Silber dagegen waren verpönt, wie die mittelalterlichen
Händler mit Staunen bemerkten.

Die Religion der Prußen war zunächst völlig auf die Natur beschränkt,
welche als alleinige Gottheit angebetet wurde; insbesondere Sonne, Mond,
Sterne, Donner, Vögel und Pferde. Sie besaßen heilige Stätten. Dies waren
Haine, Felder und Gewässer. Dort durfte nicht geackert, geerntet oder gefischt
werden. Den Gästen wurde der Zutritt zu den heiligen Plätzen verwehrt, auch
wenn der Gast aus einem benachbarten prußischen Land stammte. Diese Naturverbundenheit der Prußen war auch der Grund, warum sie keine Wälder
rodeten, Moore trockenlegten oder Dämme anlegten. Dies hätte alles den Zorn
irgendeines Gottes herbeiführen können.

Zur Zeit des Deutschen Ordens tauchten vermehrt verschiedene Götter auf.
Als Vatergottheit galt Perkunos, dessen Darstellungsweise stark dem griech-
ischen Gott Zeus glich. Die Namen verschiedener anderer Gottheiten sind
übermittelt. Sogar im ersten Christburger Vertrag wird einer dieser Götter,
nämlich der wichtige Feldgott Curcho (in Verbindung mit dem allerheiligsten
Feld Kurkelauk) erwähnt. Desweiteren glaubten die Prußen an kleine Wichtel,
den Barstucken und Markopeten, die den Göttern dienten und mit Lebensmittel-
opfern freundlich zu stimmen waren. Auch eine große Anzahl meist bösartiger
Geister beherrschte ihr Glaubensbild. So gab es die fürchterliche Würgerin
Giltine, die den Reisenden auflauerte sowie die Fee Laume, welche Menschen
in die Moore lockte oder Kinder entführen lies. In Masuren lauerte der Topich,
eine Art von Wassermann, in den Seen und riß unvorsichtige Schwimmer und
am Seenrand spielende Kinder in die Tiefe. Dagegen beschützte die Göttin
Guze den Wanderer; natürlich nur nach großzügigen Opfergaben bei den
Priestern.

Bei einer so vielschichtigen Götter- und Geisterwelt in der Menschen nur ein
kleines, unbedeutendes Mitglied waren, wurden auch dementsprechend viele
Priester mit unterschiedlichen Aufgaben und Kenntnissen benötigt. Daneben
gab es noch heilige Frauen, welche überall in hohem Ansehen standen und
denen magische Begabung zugesprochen wurde. Von einer solchen berichtet
sogar der Ordenschronist Peter v. Dusburg. Selbst im 16. Jahrhundert wurde
eine dieser Frauen mit Namen Pogesania noch verehrt. Manche ihrer Hand-
lungen hielten sich bis heute, wie z. B. das Bleigießen.

Von den niederen Priestern lebten in den Dörfern die Tulissonen oder
Ligaschonen, welche die Heilkunst und die Totenrituale ausübten. Einen
höheren Rang hatten die Waidelotten inne, die Seher. Über dieser niedrigen
Priesterkaste standen die Griven der einzelnen Länder, welche schließlich
dem Oberpriester aller Prußen, dem Obersten Grive, unterstanden. Dieser
lebte in dem allergrößten Heiligtum, dem Wald Twangste. Seine Botschaften
galten als direkter Götterbefehl. Er betreute die allerheiligste Eiche, in deren
Aushölungen die Bildnisse der Götterdreiheit festgehalten waren. Ebenfalls
standen in dem Wald noch viele andere, große oder kleine Holzstümpfe mit
den Gesichtern dieser drei höchsten Göttern der Prußen. Dies waren der
schon genannte Götterkönig Perkunos, dem man Wasser aus den heiligsten
Quellen und Asche von den ihm geweihten Feuern darbrachte, wodurch man
Genesung von Krankheiten erreichte. Von einem Blitz erschlagen zu werden
galt als besonderer Gunstbeweis dieses Gottes. Der zweite Gott war der ewige
Jüngling Potrimpos, der einen Ährenkranz trug und dem die Schlange geweiht
war. Dieser Gott der Fruchtbarkeit und des Wachsens ehrte man mit Brand-
und Blutopfern. Der dritte Gott war der graubärtige, hagere Greis Pikollos,
Gott der Qualen, der Furcht und der Strafen. Totenschädel von Menschen
und Tieren waren seine Zeichen. Ihn konnte man nur besänftigen, wenn
man ihm das Teuerste was man besaß opferte. Die Eiche aber galt im
gesamten Prußenland als Symbol göttlicher Macht und war dem Gottvater
geweiht. Daher wird sie als Sinnbild des Heidentums bei den Ordenschronisten
erwähnt. Das Fällen der heiligen Eiche wurde als heldenhafte Tat angesehen
und es entstanden dort auch meistens christliche Kirchen; oder wie bei der
Stadt Heiligenbeil (die nicht umsonst diesen Namen erhalten hatte), sogar
ein Bischofssitz. Den christlichen Chronisten fiel ein Opferbrauch der Heiden
besonders auf, der sich in abgelegenen Gegenden noch lange nach der Bekehrung
hielt. Es war die sogenannte Bockheiligung, welche vom Obersten Grive für alle
Prußen auf dem allerheiligsten Feld Kurkelauk, von den Griven der einzelnen
Prußenländern auf deren heiligen Feldern durchgeführt wurde. Dabei wurde
bei der Frühlingseinsegnung über einem Bock Weihesprüche und Bitten um
Fruchtbarkeit aufgesagt. Nach der Ernte wurde das Tier dann dem Gott Curcho
geopfert. Der Totenritus war sehr ausgefeilt. Der Leichnam wurde einen Monat
im Hause zwischen seinen Anverwandten aufgebahrt. Reiks und höhere Kunigas
sogar noch länger. In den Häusern wurde dann nur getrunken und gespielt,
bis die Zeit der Verbrennung eintrat, die der Grive bestimmte, denn um so
länger der Tote aufgebahrt wurde, um so höher war sein Ansehen. Am Tage
der Verbrennung hielt der dafür zuständige Priester eine sakrale Weihe über
den Verstorbenen ab. Da er die Seele des Toten sehen konnte, stellte er dabei
fest, ob diese ins Jenseits übergegangen war. Da man glaubte, dass die Toten
im Jenseits das Leben so fortsetzten, wie sie es auf Erden geführt hatten,
wurden in die Urne Ohrringe, Spangen und andere Wertgegenstände gelegt.
Nach der Bestattung der Urne fanden einige Tage lang Feste und Trinkgelage
statt. Hauptpunkt dieser Feste war das Wettreiten, bei dem die restliche
Habe des Toten eine Meile vom Dorf entfernt an verschiedenen Punkten
platziert wurde. Die Männer des Dorfes ritten dann los und wer einen dieser
Gegenstände fand, konnte ihn behalten. Daher waren in Preußen sehr schnelle
Pferde auch sehr teuer gewesen. Für ein adliges Urnengrab wurde ein Hügel
erbaut, auf dessen Boden man Steine in konzentrischen Kreisen legte und in
der Mitte eine Art Gewölbe aus vier glatten Steinen, wo dann die Urne
platziert wurde. Daraufhin wurde eine Reihe von Steinen aufgeschichtet in
Form eines Ovals, dessen Höhe vom Ansehen des Toten abhing. Diese Art
der Bestattung erhielt sicht trotz Verbotes bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts.

Versuche der bewaffneten Christianisierung erfolgten erstmals durch die
Polen 1200. Beim Gegenangriff 1216 eroberten die Prußen das Kulmer
Land und griffen von dort aus ständig das polnische Herzogtum Masowien
an. Der dort herrschende Herzog Konrad gründete zur Abwehr dieser Über-
fälle 1228 den Dubriner Ritterorden, der aber zu klein war um wirklich
große Erfolge erzielen zu können.

Die ab dem Eintreffen des Deutschen Ordens erfolgte weitere Historie
der Prußen ist in dem Bericht über den Deutsche Orden enthalten.

Ergänzend ist noch zuzufügen, dass der letzte reine Pruße 1798 verstarb
und daher die Behauptung, der Orden hätte die Prußen ausgerottet, absolut
nicht zutrifft. Im Gegenteil, der Orden benötigte diese Urbevölkerung

Auszug aus:
Bitter, Christoph: „Der Deutsche Orden – Seine Anfänge in Preußen bis
zum Bau der Marienburg, Vortrag IG-Orden Seminar 21. – 23.03.03
Oberhausen, Bonn 2003

Literaturhinweise über die Prußen:

Gerlach, Heinrich: „Nur der Name blieb – Glanz und Untergang der alten
Preußen„; Econ Verlag GmbH, Düsseldorf/Wien 1978, ISBN 3-430-131839
Kopp, Hans-Ulrich: „Das Volk der Prußen„; Tolkemita-Heft 24, Vortrag der 13.
Baltischen Konferenz, Lüneburg 1987, Prußendeutsche Gesellschaft Tolkemita,
Landhaus Vogelsang, Dieburg 1988



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