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25. Oktober 1415

Der Stoff aus dem Legenden gemacht sind: Wie eine hungernde und von
Kämpfen erschöpfte englische Armee ihren zahlenmässig überlegenen
französischen Gegner bezwingt. Der englische König Henry V. saß nur
verhälnismässig kurz - von 1413 bis 1422, 9 Jahre also – auf dem Thron.
Dennoch wird er von der Geschichte als einer der fähigsten und erfolg-
reichsten englischen Könige dargestellt, der seinem Land vielleicht den
größten militärischen Erfolg über den alten Gegner Frankreich erbrachte.
Henry war 26 Jahre alt, als sein Vater, Henry IV., starb und er in
Westminster zum König gekrönt wurde. Der junge Henry hatte aber
schon einige Erfahrung auf dem Schlachtfeld gesammelt, unterstützte
er doch tatkräftig seinen Vater gegen die Rebellion des Walisers Owen
Glendower und des Earls of Northumberland. Als erneuter Konflikt mit
Frankreich drohte, war der neue König Henry also bestens geeignet,
seine Truppen als General zu kommandieren.



Vorgeschichte

England hatte schon lange mit Frankreich im Krieg gestanden, eine
Auseinandersetzung die nicht umsonst von Historikern als “the Hundred
Years’ War” bezeichnet wird. Dieser Name ist aber eingentlich schon so
etwas wie Untertreibung, denn das ganze fand zwischen den Jahren
1337 und 1453 statt, und selbst davor bekriegten sich die beiden
Nationen schon häufig. Dieser hundertjährige Krieg symbolisiert also
lediglich eine Zeit der intensiveren militärischen Kampagnen zwischen
England und Frankreich. Grund für den Ausbruch dieses Krieges war
wohl, daß England die Kontrolle über die Gascogne im Südwesten
Frankreichs ausübte. Das Frankreich des Mittelalters war kein ein-
heitliches Königreich, wie es später einmal der Fall sein sollte und
gewisse Landesteile - wie beispielsweise Burgund - wurden nicht von
der französischen Krone beherrscht. Seit der Eroberung Englands durch
William the Conqueror im Jahre 1066 waren das englische Königshaus
und der gröte Teil des Adels von normannischer Abstammung und
besaßen daher auch Grafschaften auf dem europäischen Festland.
Frankreich akzeptierte die englischen Besitzrechte über die Gascogne
nicht und wollte zudem ein Handelsembargo brechen, welches der
englische König Edward III. über Flandern ausgerufen hatte. Das
Resultat dieses Streits war, daß Edward Anspruch auf den Thron
von Frankreich erhob, da seine Mutter, Isabel, eine Tochter des
französischen Königs Charles IV. war. Er forderte, daß der französische
König Phillipe VI abdanken sollte, da er selbst der rechtmäßige Erbe der
Krone Frankreichs sei. Die Franzosen wiesen diesen Anspruch ab, und
bezogen sich auf die Lex Salica, ein Gesetz aus dem 6. Jahrhundert,
welches besagte, daß bei adligen Familien der älteste Sohn Alleinerbe
sei. Edward III. hingegen ließ durch seine königlichen Historiker belegen,
daß die Lex Salica nur auf Gebiete in Deutschland und nicht auf Frankreich
zutreffe. So wurde aus dem Streit um eine Grafschaft ein Konflikt um eine
gesamte Nation. Edward III. und sein Sohn, genannt Edward the Black Prince
of Wales, waren recht erfolgreich im Kampf um ihr angebliches Erbe. 1346
bei der Schlacht von Crécy konnten sie ihren ersten großen Sieg über das
Militär Frankreichs verbuchen. Dieser wurde dann ein Jahr später bei der
Schlacht von Poitiers in den Schatten gestellt, als der französische König
Jean II. ein Gefangener der englischen Truppen wurde. Dies führte zum
Vertrag von Brétigny-Calais, welcher den Engländern Anspruch auf die Stadt
Calais und eine beträchtliche Erweiterung ihrer Besitztümer in der Bretagne
gab. Doch dieser Erfolg war nur von kurzer Dauer, denn Edward, the Black
Prince of Wales, starb noch ehe er selbst den Thron besteigen konnte. Nach
dem Tod von Edward III., war es daher der zehnjährige Sohn des schwarzen
Prinzen, Richard II., der die Krone Englands empfing. Geschichtlich gesehen
hat ein kindlicher Monarch eigentlich fast immer negative Auswirkungen für
sein Land. Unter ihm und seinen Regenten verlor England einen großen Teil
seiner Macht in Frankreich. Als im Jahre 1388 ein Waffenstillstand zwischen
den beiden Nationen verkündet wurde, waren nur noch Calais, Bordeux und
Bayonne unter englischer Herrschaft.

Richard II. hatte genügend Problem im eigenen Land, als dass er sich um
einen Anspruch auf Frankreich kümmern konnte. Unter ihm erlebte England
die Folgen der Pest, einen Bauernaufstand und eine Rebellion geleitet vom
Großteil des englischen Adels. In der Tat musste Richard am Ende abdanken,
um von Henry IV., dem Vater von Henry V., ersetzt zu werden. Hier beginnt
eigentlich unsere Geschichte um die Schlacht von Agincourt.



Die Kampagne in Frankreich

Es ist nicht sicher, warum der englische Anspruch auf den Thron Frankreichs
gerade unter Henry V. auf ein Neues erblühte. Ein Grund war sicher der Ehrgeiz
des neuen Königs, der wohl in Allem ein Gewinner sein wollte, ob auf dem
Schlachtfeld oder auf dem königlichen Tennisplatz. Letzteres wird nicht durch
Zufall erwähnt, denn wenn man den Geschichten um Henry Glauben schenken
darf, war er in seiner Jugend mehr an solchen Wettkämpfen interessiert als
an Politik oder an militärischer Taktik. Es wird berichtet, dass ihm der
französische Thronfolger zum Spaß einen Satz Tennisbälle geschickt hatte,
da es nach seiner Meinung dem König noch an der notwendigen Reife mangele.
Solle er doch lieber noch ein wenig Tennis spielen, anstatt zu versuchen, den
Feldherrn darzustellen. Im Shakespeare-Stück Henry V wird diese Szene
besonders gut dargestellt, mitsamt der Antwort Henrys, dass er mit den
französischen Truppen einen Satz spielen, aber statt Tennisbällen Kanonen-
kugeln verwenden werde. Ob Henry wirklich vom Dauphin Tennisbälle
geschickt bekam, wird von Historikern heute meist bezweifelt. Dennoch
wurde diese Geschichte, wenn auch wohl erfunden, weiterhin ausgearbeitet
und gibt uns ein gutes Beispiel, wie Henry denn wohl von späteren
Generationen gesehen wurde. Wie in ritterlichen Legenden wächst er
vom verspielten Jugendlichen zu einem vorbildlichen König heran. Wenn
man die Herrschaft Henry V. kritisieren möchte, könnte man meinen, dass
sein erneuter Krieg mit Frankreich nur eine Finte sei, um von Problem im
eigenen Land abzulenken. Das Haus von Lancaster war nicht gerade sicher
auf dem Thron von England. Henry IV. hatte zwar die Abdankung von
Richards II. bewirkt, doch hierdurch hatte er auch den Präzedenzfall dafür
gesetzt, dass ein König nicht auf Lebzeiten regiert, sondern bei schlechten
Entscheidugen vom Adel abgesetzt werden kann. Henry V. hatte dies ja in
seiner Jugend erfahren, mitsamt der Rebellion des Earl of Northumberland,
die ja schon oben einmal erwähnt wurde. Militärischer Erfolg im Ausland,
und gerade gegen den Erzgegner Frankreich, würde Henry die Unterstüzung
seines Adels sichern. All dies ist weit entfernt vom romantischen Bild des
Königs, der um sein rechtmäßiges Erbe kämpft. Egal was nun der eigentlich
Grund für den Krieg war, etwas Wahrheit wird in dieser Theorie mit
Sicherheit sein. Die Entscheidung einen militärischen Schlag gegen
Frankreich zu führen, war jedenfalls beliebt beim englischen Adel, der
dem König hierzu auch freiwillig finanziellen Hilfen gab. Henry landete
mit seinen Truppen in der Nähe der Stadt Harfleur an der Nordküste
Frankreichs. Ziel war, das eroberte Harfleur als Ausgangsbasis für eine
Angriff auf Paris zu benutzen. Die Tatsachen sahen jedoch anders aus.
Als Harfleur nach sechswöchiger Belagerung endlich kapitulierte, waren
viele der Engländer im Sumpf um die Stadt an der Dysenterie erkrankt.
Henry verlor so ein Drittel seiner Männer, und ein Feldzug gegen Paris
war so unmöglich geworden. Die einzige mögliche Entscheidung war,
Harfleur zur Garnisonsstadt zu machen und die restlichen Truppen
wieder auf direktem Wege nach England zu bringen. Henry traf jedoch
die Entscheidung, seine Truppen lieber der Sicherheit von Calais
anzuvertrauen. So konnten weitere Truppen von England abgewartet
und der Krieg im nächsten Jahr direkt fortgesetzt werden. Ein Marsch
nach Calais bedeutete aber eine Reise von mindestens 150 Meilen,
und das durch feindliches Land. Daher war es kein Wunder, dass die

Truppen Henrys bald auf Probleme trafen. Nachdem sie gezwungen
waren, wegen des Verlaufs der Somme einen längeren Umweg nach
Süden zu nehmen, fanden sie dann in der Nähe von Agincourt den
direkten Weg nach Calais von einem Aufgebot an französischen
Truppen versperrt. Die französische Armee war ausgeruht und
zwischen 50.000 bis 60.000 Mann stark. Die Engländer waren
erschopft und viele waren krank. Alles in Allem zählte die englische
Seite nur 5.000 bis 6.000 Mann.



Die Schlacht

Die Chroniken berichten von zwei verschiedenen Lagern in der Nacht vor
der Schlacht. Die Franzosen sind selbstsicher, und die Vertreter des Adels
halten untereinander Wetten ab, wer denn am nächsten Morgen die
meisten Gefangenen nehmen wird. Das englische Lager hingegen ist
erwartungsgemäß still. Hier scheint man den kommenden Morgen nicht
herbeizusehnen. Im Shakespeare Stück ist es gerade diese Nacht, die
der König nutzt, um unerkannt zwischen seinen Männern von Zelt zu Zelt
zu gehen. Nicht als König, sodern als normaler Mann. Die Frage ist hier,
wieviel Verantwortung ein Monarch für seine Untergebenen hat, und ob
sie ihm blind folgen sollten, egal wie er entscheidet. Dies ist ein
interessanter Punkt, gerade weil Henrys Vater sich ja selbst gegen
einen König gestellt hat und dessen Abdankung bewirkte. Das Bühnenstück
zeigt dann, wie Henry auf seine Knie fällt und um den Beistand Gottes fleht.
Die Sünden seiner Familie sollen vergessen sein, da er der neue Richard II.
sei. Am nächsten Morgen standen sich die beiden Armeen auf dem sumpfigen
Boden in der Nähe der Dörfer Agincourt und Tramecourt gegenüber. Die
englischen Truppen hatten ihre Pferde zurückgelassen und traten dem Gegner
als eine Reihe von Fußsoldaten entgegen, auf drei Befehlshaber verteilt. Die
Mitte wurde von Henry selbst befehligt, während die Gruppe zu seiner Rechten
vom Duke of York, die Gruppe zu seiner Linken von Lord Camoys geleitet
wurde. Auf den äußersten Seiten wurden zwei Gruppen von Bogenschützen
eingesetzt, um die Flanken der Truppen zu schützen. Weiterhin war noch
eine Gruppe von Bogenschützen im Wald in Richtung Tramecourt versteckt.
Wegen des Mangels an Soldaten hatten die englischen Truppen keine
Reserve, aber eine kleine Gruppe von Bogenschützen wurde damit
beauftragt, den Gepäckzug hinter der englischen Linie zu sichern. Die
Franzosen hingegen hatten kein Problem, was die Anzahl ihrer Soldaten
anging und stellten sich ihrem Gegner mit zwei Divisionen Infanterie
entgegen, die auf zwei Reihen verteilt wurden. Die Spitze wurde vom
Constable d’Albret (dem jungen Oberbefehlshaber der französischen Armee)
zusammen mit den Herzögen von Orleans und Bourbon angefürt. Die zweite
Division stand unter dem Befehl der Herzöge von Alençon und Bar. Eine
Gruppe an Kavallerie bildete die dritte Reihe unter dem Grafen von Masle.
Zwei weitere Gruppen von berittenen Soldaten wurden auf die beiden
Flanken der ersten Reihe verteilt. Daher standen die französischen
Bogenschützen vor einem Problem. Wegen der vorgerückten Kavallerie
mussten sie in der zweiten Reihe verweilen, welches ihre Schussweite
erheblich beeinträchtigte. Durch den Wald waren die Truppen zu beiden
Seiten eingeengt, und durch die Größe der Armee war ihnen hierdurch die Bewegungsfreiheit genommen. Französische Quellen berichten sogar, dass
aus Platzgründen vor der Schlacht 4.000 Armbrustschützen abgezogen
wurden. Historiker scheinen sich einig zu sein, dass die Ordung der
französischen Truppen auf einen übereilten Schlachtplan d’Albrets
zurückzuführen ist. Ihm fehlte wohl die nötige Erfahrung, eine so große
Armee zu kommandieren, und die Fehler, die er im Bezug auf die
Bogenschützten und die Kavallerie machte, wurde allen Franzosen zum
Verhängnis. Shakespeares Fassung bietet an diesem Punkt eine der
großen Schlachtreden der Literatur. Drehbuchschreiber von Hollywoodfilmen
wie Braveheart oder Gladiator basieren immernoch viele ihre heroischen
Reden auf diese Szene des Theaterstücks. Henry endet das Ganze mit den
Worten:



But we in it shall be remembered, -
We few, we happy few, we band of brothers;
For he to-day that sheds his blood with me
Shall be my brother; be he ne’er so vile,
This day shall gentle his condition:
And gentlemen in England now a-bed
Shall think themselves accur’st they were not here;
And hold their manhoods cheap whilst any speaks
That fought with us upon Crispin’s day.






oben - Die Aufstellung der Heere bei Beginn der Schlacht
(c) by Richard Malory



Dieses Mal hat es sich umgekehrt, denn der Köning ist kein normaler Mann
wie am Abend vor der Schlacht, sondern einfache Männer können zu Brüdern
Henrys werden, wenn sie nun an seiner Seite kämpfen. Diejenigen, die zu
Hause in England verweilen mussten, sind die Verlierer, denn sie werden
diese Chance niemals haben. Sie werden nicht mit ihren Wunden angeben
können, die sie als Helden am Tag des heiligen St. Crispianus (also dem 25.
Oktober) bekommen haben. So standen sich die beiden Armeen für wohl
drei Stunden gegenüber. Henry hatte einen Angriff der Franzosen erwartet,
der aber nicht kam. Noch waren die Truppen auch zu weit voneinander
entfernt, um Bogenschützen einzusetzen. Der englische König hatte seine
Truppen für die Defensive vorbereitet und angeordnet, der ersten Reihe
entlang Lanzen in den Boden zu rammen, um eine französischen Kavallerie-
attacke besser abzuwehren. Einige Chroniken behaupten auch, die Engländer
hätten einen Trupp Soldaten hinter die französischen Linen geführt, um sie
mit einem Hinterhalt von hinten anzugreifen und zur Bewegung zur zwingen.
Selbst wenn dies stattgefunden hat, so hat es nichts bewirkt, denn die
Franzosen hielten ihre Position. Warum d’Albret seine Soldaten nicht in
den Kampf schickte, ist unklar. Viele Historiker sind aber der Ansicht, dass
er nicht die gleichen Fehler wie seine Vorgänger bei den Schlachten von
Crécy und Poitiers begehen wollte. Dort hatten die Franzosen auch zuerst
angegriffen und wurden von den Engländern besiegt. Außerdem scheint
d’Albret Probleme mit der Disziplin seiner Kavallerie gehabt zu haben, die
laut dem urspünglichen Plan, die englischen Bogenschützen hätten
niederreiten sollen. Henry gab nur widerwillig die relative Sicherheit
seiner Position auf, konnte seine geschwächten Soldaten – die Dysenterie
machte noch immer die Runde – aber nicht länger nur auf dem Schlachtfeld
stehen lassen. Er gab den Befehl zum Angriff. Die gesamten englischen
Truppen stürmten auf ihren Gegner zu, kamen zum Stehen und bauten
sich in gleicher Position wie vorher wieder auf. Dieses Mal aber waren
die englischen Bogenschützen in Reichweite (die der Franzosen nicht,
da sie ja in der zweiten Reihe standen), und so ließen sie ihre Pfeile auf
die Franzosen hinabregnen. Das Vorrücken der Engländer wurde durch
eine gleichzeitige Attacke der bisher im Wald verborgenen Bogenschützten
unterstützt, die ihren Kameraden aus der Ferne Deckung gaben. Die
folgende Kavallerieattacke der französischen Reiter wurde zum Chaos.
Viele waren schon durch die Pfeile der englischen Langbögen verwundet
oder getötet noch ehe es zum ersten Feindkontakt kam. Die hinteren Reihen
mussten sich durch die Leichen der gefallenen Reiter und Pferde hindurch-
kämpfen, bevor sie die englischen Fußsoldaten erreichten. Wegen der Größe
der eigenen Armee wurde ihnen die Bewegungsfreiheit genommen, und es
wird berichtet, dass in dem Gedränge viele nicht einmal dazu kamen, ihre
Schwerter zu ziehen. Die englischen Bogenschützen hatten sich nun auf den
Seiten aufgestellt, um die Flanken der Franzosen direkt zu beschießen.
Schon so früh in der Schlacht gelang es den Engländern, viele Gefangene
zu nehmen, unter ihnen die Herzöge Orleans und Bourbon und sogar d’Albret
selbst. Als er sich jedoch dem englischen König zu erkennen gab und ihm
seinen Helm reichte, wurde er von einem der Leibwächter Henry’s erstochen,
der die Geste als einen Angriff interpretiert hatte. Eine Reihe französischer
Truppen, die durch die englische Menge durchgebrochen war, begann nun
den Gepäckzug anzugreifen. Henry befahl daraufhin, alle nichtadligen
Gefangenen zu exekutieren, damit diese nicht wieder in den Kampf eingreifen
konnten. Dies ist einer der umstrittensten Befehle des Königs. Französische
Historiker sehen dies allgemein als eine Greueltat Henrys an, die wohl
einem Kriegsverbrechen nahe kommt. Das Abschlachten von unbewaffneten
Gefangenen verstößt mit Sicherheit auch gegen die Regeln der mittelalterlichen Kriegsführung, aber viele - meist englische - Akademiker kritisieren im
Gegenzug immer das französische Verhalten, den Gepäckzug anzugreifen.
Bei Shakespeare ermorden die Franzosen zuerst die Kinder und die Kranken,
die ihr Lager bei dem Gepäckzug haben, bevor Henry die Anweisung gibt,
die Gefangenen zu töten. Die zweite Division der französischen Infanterie
begann nun mit ihrem Angriff, doch dieser war recht halbherzig – viele
Soldaten waren durch die hohe Zahl ihrer gefallenen Kameraden verunsichert -
und wurde so recht schnell abgewehrt. Ein Großteil der übrigen Franzosen
ergriff die Flucht und König Henry V. und seine englischen Truppen hatten
die Schlacht von Agincourt gewonnen. Unter den Toten Frankreichs waren
d’Alencon, drei Herzöge, neun Grafen und 5.000 Ritter und gemeine Soldaten.
Die englischen Verluste waren viel geringer: Edward, Duke of York (der an
Übergewicht litt und wohl in seiner Rüstung erstickt war), ein Earl, sechs
Ritter und um die 500 Soldaten.



Weitere Auswirkungen

Glaubt man Shakespeare, so brachte die Schlacht von Agincourt den
allgemeinen Sieg über Frankreich: Henry heiratete Katharina von Valois,
die Tochter des französischen Königs Charles VI. und der Isabella von
Bayern und sicherte damit, dass sein Sohn, Henry VI., König von England
und Frankreich werden würde. In der Realität sieht die Angelegenheit
aber ein wenig anders aus. Taktisch gesehen bewirkte Agincourt nur
recht wenig, denn die siegreichen Engländer mussten dennoch in Calais
überwintern und ihre weiteren Angriffe auf Frankreich von Neuem planen.
Die nächste Kampagne gegen Frankreich fand erst 1417 statt. Dennoch
war dieser Sieg bedeutender, als er heute vielleicht zu erscheinen mag.
Der Kampfgeist der Engländer wurde gestärkt und Henry hatte sich die
Unterstützung der Adligen entgültig gesichert. Außerdem war ein großer
Teil des französischen Adels bei der Schlacht ums Leben gekommen und
der Wiederaufbau der Streitkräfte wurde erschwert. Der Weg war frei-
geräumt und das half Henry später, die gesamte Normandie zu erobern
und den Vertrag von Troyes zu erzwingen. Dieser besagte, dass König
Charles VI. noch zu Lebzeiten auf dem Thron verweilen dürfe, aber dass
nach seinem Tode die Krone Frankreichs an Henry V. übergehen werde.
Das letztere wurde jedoch nie durchgeführt, da Henry V. 1422 - vor
seinem französischen Schwiegervater also – wie schon viele seiner
Soldaten vor ihm an der Dysenterie starb. Nachfolger wurde sein Sohn
Henry, der noch nicht mal ein Jahr alt war, und England hatte wieder
ein Kind auf dem Thron. Dies führte zum bekannten Rosenkrieg zwischen
den Familien von Lancaster und York und beendete auch die Bemühungen,
Frankreich zu erobern. Wie Shakespeare abschließend sagte:



Henry the Sixth, in infant bands crown’d king
Of France and England, did this king succeed;
Whose state so many had the managing,
That they lost France, and made his England bleed.



(c) by Richard Malory



1387 - Die Schlacht von Radcote Bridge

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