Radcote Bridge in der Nähe von Faringdon in Süd-Oxfordshire war strategisch gesehen schon des Öfteren wichtig in der Geschichte Englands. Geographisch liegt Radcote auf gerader Linie zwischen London und wichtigen Punkten in der Mitte und im Norden des Landes, eine Route die vom natürlichen Hindernis der Themse durchtrennt wird. Somit gilt auch die erste Brücke, die bei Radcote gebaut wurde (noch zu angelsächsischen Zeiten), als die älteste Überbrückung der Themse. Außer seiner geographischen Lage wurde Radcote wohl gerade deswegen für eine so wichtige Brücke gewählt, da genügend billiges Baumaterial in den nahen Steinbrüchen vorhanden war. Radcote war wohl auch Umladeplatz für Stein aus Taynton und Burford, welcher dann mit Booten auf dem Fluss ver- schickt wurde. Um dem ansteigenden Verkehr auf der Themse gerecht zu werden, enstanden mit der Zeit weiter nördlich auch gegrabene Kanäle, um größere und kleinere Boote zu trennen. Daher wurden noch zwei weitere Brücken über diese Kanäle gebaut: die Pridwell Bridge und die Canal Bridge. Radcote Bridge blieb aber der Hauptverkehrspunkt, und hier wurde auch der Zoll für die Landüber- querung, sowie für Verkehr auf dem Fluss eingenommen.
Radcote Bridge gewinnt das erste Mal militärische Bedeutung zur Zeit des Thron- streites (1139-53) zwischen König Stephen und Mathilda von Anjou. Nach dem Tod von König Henry I., wurde der Thron von England nicht an seine Tochter Mathilda übergeben, sondern an ihren Cousin Stephen. Mathilda war zuerst mit Heinrich V. verheiratet gewesen, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und dann nach dessen Tod mit Geoffrey Plantagenet, dem Grafen von Anjou. Sie war also keineswegs eine Frau, die man auf polischer Ebene ignorieren konnte ! 1139 kehrte sie nach England zurück, um als rechtmäßige Thronfolgerin zur Königin gekrönt zu werden und die Abdankung Stephens zu erreichen. Dies führte zu einem Bürgerkrieg, der darin resultierte, dass Stephen zwar bis zu seinem Tode König blieb, aber die Nachfahren von Mathilda den Thron erben sollten. Henry II. (Sohn von Mathilda und Geoffrey) wurde 1154 König. Als Mathildas Truppen Oxford be- setzten, wurde unter ihren Anweisungen eine Burg in der Nähe von Radcote gebaut, um Verkehr und Truppenbewungen zu kontollieren und nötigerweise zu blockieren. Königliche Angreifer auf Oxford mussten so einen Umweg machen, und weiter im Osten die Themse überqueren.
Von wichtigster Bedeutung war Radcote Bridge aber zur Zeit von König Richard II. und seinem Krieg mit den rebellischen Aristokratenfamilien, die seine Abdankung forderten. Die Rebellen wollten verhindern, dass Richards Truppen in London Ver- stärkungen aus dem Westen erhalten konnten und sperrten somit strategische Punkte im Land, darunter auch Radcote Bridge. Viele von Richards militärischen Führern wurden im Land verachtet, aber wohl keiner so sehr wie Robert de Vere, der neunte Earl von Oxford und später Marquis von Dublin. Er war mit dem König seit der Jugend befreundet gewesen, und seine Position war wohl eher darauf als auf eigentliches militärisches und politisches Können zurückzuführen. Er muss wohl auch einen hohen Einfluss auf Richard selbst gehabt haben. Robert war fünf Jahre älter als Richard, und der junge, unerfahrene König muss ihn wohl als eine Art Mentor angesehen haben. Einige der Rebellen müssen gerade dieses enge Ver- hältnis zwischen den beiden - welches ja auch ihre eigene Stellung untergrub - als einen persönlichen Grund für den Aufstand gesehen haben.
Robert de Vere hatte Verstärkungen in Cheshire und Wales geholt, und wollte sie nun nach London bringen, um gemeinsam mit den Londoner Truppen eine einzige, starke königliche Armee zu bilden. Nach einer Weile wurden de Veres Truppen von den Rebellen regelrecht umzingelt. Die Earls von Arundel und (wahrscheinlich auch) Warwick versperrten mit ihren Mannen Banbury, Chipping Camden und die nörd- lichen Cotswolds. Ein Zurück war daher für de Vere unmöglich, der Rückweg ab- geschnitten. Der Süden wurde ihm versperrt durch die Truppen des Earl of Derby (Henry Bolingbroke, der zukünftige Henry IV.) Im Osten befanden sich die Truppen des Duke of Gloucester. Ein regelrechtes Katz-und-Maus Spiel begann. Man kann es wie folgt zusammenfassen: Robert de Vere plante zuerst den Duke of Gloucester in der Nähe von Bourton-on-the-hill anzugreifen. Dieser Plan musste aber abge- brochen werden, als ein Großteil von de Veres Männern desertierte, und es wurde entschieden, über die Themse in Richtung London zu marschieren. In Witney oder Burford (die Chroniken sind sich hier nicht einig) trafen sie dann auf Arundels Truppen, und de Vere verlor einen seiner wichtigsten Männer, Sir Thomas Molyneux. In einem Verzweiflungsakt beschloss Robert de Vere seine verbleibenden Truppen über Radcote Bridge zu führen. Die Brücke aber wurde vom Earl of Derby – Henry Bolingbroke also – versperrt. Die Schlacht von Radcote Bridge war eigentlich nur ein kurzes Scharmützel zwischen den Truppen de Veres und Derbys, aber das ganze wurde wohl schwieriger gemacht durch den den dicken Nebel der herrschte. Nach kurzer Zeit waren die Anhänger de Veres entweder tot, hatten sich ergeben oder waren geflüchtet. De Vere selbst gehörte zu Letzteren. Laut den Chroniken scheint es, als hätte Robert de Vere seine eigenen Truppen im Stich gelassen, und so über die Themse entkommen. Er war wohl mit seinem Pferd in den Fluss geritten, und als es zu tief für das Tier wurde, den restlichen Weg geschwommen. Das Pferd und Teile von de Verres Rüstung wurden später angeblich von den siegreichen Rebellen gefunden.
De Vere war aber nicht im Fluss ertrunken, wie zuerst angenommen, denn er erreichte London und hatte ein Gespräch mit Richard II. Seine Karriere war aber hiermit beendet, denn nach seinem Treffen mit dem König flüchtete er nach Flandern und kehrte nicht mehr lebend nach England zurück. Seine Besitztümer und Adelstitel wurden ihm vom Merciless Parliament in 1388 abgesprochen, und die Todesstrafe über ihn verhängt, sollte er jemals wieder englischen Boden betreten. Robert de Vere starb 1392 auf der Wildschweinjagd in Flandern und wurde zunächst in Louvain beigesetzt. Als sich die de Vere Familie 1395 endlich offiziell rehabilitiert hatte, konnte Richard II. bewirken, dass die Gebeine Roberts nach England zurückgebracht wurden und in der Earls Colne Priory in Essex in der Familiengruft beerdigt werden durften. Die Zeremomie, bei der der König anwesend war (er bestand angeblich darauf, dass der Sarg geöffnet wurde, damit er de Vere noch einmal ins Gesicht sehen und ihm die Hand schütteln könne!), wurde von anderen aristokratischen Familien gemieden. Für sie war er noch immer der alte Feind.
Die Schlacht von Radcote Bridge ist wohl aus zwei Gründen wichtig: Zum Einen symbolisiert sie das Ende von Richards Vertrautem, Robert de Vere, aber auch die zunnehmend wichtige Rolle des Earl of Derby, der ja mal König Henry IV. werden sollte, wird hier deutlich. Zum Anderen war die Niederlage der königlichen Truppen ein großes Problem für Richard II., der alle Hoffnung, den Rebellen zu widerstehen verloren hatte und von Windsor in den besser geschützten Tower of London floh. Noch führte es nicht zu seiner Abdankung (ihm wurde die Krone nur für drei Tage genommen, da es unter den Rebellen Probleme gab, einen neuen König zu wählen), aber das Parlament hatte einen wichtigen Sieg errungen, und die Macht Richards wurde weiter eingeschränkt. 1393 wurde auf Radcote Bridge ein Denkmal an die wichtige Schlacht errichtet (das heute leider nicht mehr existiert).
Im 17. Jahrhunder wurde Radcote Bridge wieder zum Schauplatz eines militärischen Konfliktes – des englischen Bürgerkriegs. Als die Anhänger der Parlamentarier die königlichen Truppen in Faringdon belagerten, besetzten sie die drei Brücken über die Themse. Die Königlichen schafften es, die Brücken wieder in ihre Hand zu bringen, und errichteten ein Hauptquartier in Radcote House, einem Gebäude, welches auf die ehemalige Burg von Mathilda gebaut worden war. Radcote House wurde von den königlichen Anhänger bis sechs Wochen vor Ende des Bürgerkriegs gehalten. Das Ende der Radcote House Truppe symbolisiert so wohl auch den Sieg der Parlamentarier und von Oliver Cromwell.
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