Die meisten Menschen bemerken uns nicht im Vorbeigehen und kaum einer denkt darüber nach, was Bäume empfinden und ob wir ein Bewußtsein haben.
Ich bin etwa dreißig Jahre alt und habe das Glück, in einem Wald zu stehen. Es ist friedlich die meiste Zeit. Hier herrscht ein ewig gleicher Rhythmus, wie ein endloses Wiegen im Reigen des Lebens. Wir erleben den stetigen Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Tag und Nacht, Sonne und Mond, Licht und Schatten; helle wie düstere Tage; Regen, Sturm und Schnee. Im Winter fallen wir in einen tiefen Schlaf. Wir träumen auch. Im Frühjahr erwachen wir zu neuem Leben und spüren die unerschöpfliche Energie unserer Mutter, der Erde, die das Wunder der Wiedergeburt jedes Jahr aufs Neue schafft.
Es ist wie ein Lied des Schöpfers, das nie endet und mit jedem Jahr, das wir älter werden, wird es intensiver.
Ich bin in einem Alter, wo ich verstehen lerne - die Zusammenhänge von allem was lebt und existiert und ich ziehe meinen Genuß aus jedem Lichtstrahl, aber auch aus jeder dunklen Nacht, die der Schöpfer werden läßt.
Manche mögen vielleicht denken, unser Leben sei langweilig, aber das ist nicht so. Wir sind alle Individuen und doch leben wir in einem Kollektiv, das den Wald bildet. Wir haben Zugang zu dem Wissen aller. Das Wispern der Wipfel im Wind ist unsere Sprache, doch brauchen wir sie eigentlich nicht, denn wir sind alle miteinander verbunden. Wir spüren und hören einander stetig. Obwohl jeder von uns einzigartig und verschieden ist, bilden wir ein Ganzes. Im Laufe der Zeit haben wir ein unerschöpfliches Wissen angesammelt und Gefühle wie Neid oder Haß sind uns fremd, denn wir leben in Harmonie. Unser Leben verläuft in einer Art immer- währender Meditation. Ein Zustand, den Tiere oder Menschen so gut wie nie erreichen ist uns naturgegeben.
Wir sind auch verbunden mit den Tieren des Waldes, mit denen wir in Harmonie und Symbiose leben. Wir leben voneinander, ohne uns zu stören. Wir sehen und beobachten alles, was um uns geschieht. Auch die Menschen, die ab und zu in den Wald kommen. Wir spüren, ob sie guter oder böser Absicht sind und lesen ihre Gedanken. Die meisten von ihnen toben unbedarft durch unser Reich, aber sie stören uns nur wenig, denn sie verschwinden so schnell wie sie kommen. Wir lernen auch von den Menschen. Wir nehmen alles auf. Aber sie sind uns am fremdesten von allen. Einige laufen jeden Tag dieselben Wege mit ihren Hunden. Allein oder zu zweit. Wir spüren, ob sie guter oder schlechter Laune sind, welche Gedanken sie bewegen und worüber sie sich sorgen. Es gibt auch welche, die uns absichtlich schaden, weil sie nicht wissen, das wir sensible Lebewesen sind oder es ist ihnen egal. Aber es gibt auch solche - wenige allerdings - die um unser Wesen wissen oder es zumindest ahnen. Das sind die stillen Menschen, die leise und respektvoll sind und uns wahrnehmen. Es sind Einzelgänger, die mit ihresgleichen nicht gut können. Sie kommen bewußt zu uns, um Trost, Kraft und Frieden zu finden. Zu ihnen spüren wir eine liebevolle Bindung. Wir umfangen sie mit unserer Liebe, singen unser Lied in den Wipfeln und spüren, wie das leise Rauschen ihre Seele beruhigt. Manche lehnen sich an uns und wir schenken ihnen von der Energie, die wir aus der Erde ziehen. Dann werden wir für kurze Zeit eins. Diese Menschen sind selten. Sie sind anders als die anderen und bewußt mit uns und der Natur verbunden.
Wir Bäume sehen ganze Menschenleben und Zeitalter vorbeiziehen. Im Wald verändert sich alles nur langsam. Aber unsere Verwandten, die in Städten, an Straßenrändern oder geschichtlichen Schauplätzen stehen, könnten ganze Bände füllen, wenn sie reden oder schreiben könnten. Das Leben dieser Bäume ist turbulent, aufregend, aber nicht immer von Frieden erfüllt, sondern von dem Treiben und der Unruhe der Menschen geprägt. Aber auch dieses Leben hat seine Reize, seine Höhen und Tiefen und jeder lernt auf seine Weise.
Wir sind alle eins. Bäume, Tiere, Menschen und die Erde. Gott liebt uns und ist eins mit uns. Wir wissen das, deshalb fürchten wir nichts und verlassen diese Welt in Gelassenheit, so wie wir gekommen sind. Wir kommen und wir gehen in Frieden, egal was passiert, ganz gleich, was wir erleben oder man uns antut. Wir sind alle eins. Jeder ist mit jedem und allem verbunden. Wir haben den Vorteil, das zu wissen, deshalb besitzen wir die Ruhe und die Kraft, die wir denen schenken können, die mit uns verbunden sind. Wir lernen alle voneinander und alles hat einen Sinn.
Jeder für sich und alle zusammen. Der Geist des Waldes ist ein Teil vom großen Geist und das ewige Rauschen der Wipfel singt das Lied der Liebe und Unsterblichkeit, der Weisheit und der Klarheit von allem was ist.
21.10.06 Birgit Strutzenberger
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